Seit das Gerüst abgebaut ist, erstrahlt die Alte Post in der Karl-Marx-Straße von Bad Freienwalde in frischer Farbe. Die Bauherren haben das denkmalgeschützte Gebäude mit einer für die frühere DDR-Zeit typischen Fassade behutsam modernisiert.
2011 hatte die Stadt Bad Freienwalde das Gebäude von der Post erworben. Nach einer umfangreichen Sanierung sollte die Stadt- und Kreisbibliothek „Hans Keilson“ im Erdgeschoss einziehen. Zudem war als Ergebnis eines Architektenwettbewerbs geplant, das Gebäude mit einem modernen Anbau für das Stadtarchiv zu versehen. Als die Baukosten geradezu explodierten, stoppte die Stadtverordnetenversammlung das Vorhaben und beschloss den Verkauf.
Eigentümerin der Immobilie ist jetzt die „Wohnen im Oderland. GbR“ mit Menschen, die aus der Region kommen, und seit zweieinhalb Jahren das Gebäude nach ihren Vorstellungen sanieren und umbauen. Das einst von der Post genutzte Gebäude, das viele Jahre leer stand, erlebt gerade die Verwandlung zu einem modernen Wohn- und Geschäftshaus, das das Zentrum der Kurstadt beleben wird.

Für die Planung verantwortlich ist die Planconzept GmbH - Dipl.Ing. Dirk Möller. Die allermeisten am Bau beteiligten Firmen, die auch auf dieser Seite inseriert haben, stammen aus der Oderregion.
Der Innenausbau im Erd- und im Kellergeschoss läuft auf Hochtouren. Eine „fachübergreifende zahnärztliche Berufsausübungsgemeinschaft“ eröffnet im Erdgeschoss Ihre Praxis. Vereinfacht gesagt bedeutet das: eine Praxis an zwei Standorten - in Bad Freienwalde und Wriezen. Die ganz neue Gemeinschaftspraxis mehrerer Zahnärzte bietet etwa Zahnerhaltung, Prophylaxe, Kieferorthopädie und erstmals auch Oralchirurgie, bei der eine ambulante Behandlung unter Vollnarkose möglich ist. Die Betreiber haben bereits eine Praxis in Wriezen, die bestehen bleibt. Die Patientinnen und Patienten erhalten an beiden Standorten Behandlungen auf höchstem zahnmedizinischen und technischen Niveau.
Oralchirurgie etwa umfasst das Ziehen von Weisheitszähnen, wenn es sich kompliziert gestaltet, oder Implantologie, wenn künstliche Zahnwurzeln eingepflanzt werden. Neben dem Behandlungszimmer wird ein Ruheraum eingerichtet, in dem die Patientinnen und Patienten aus der Narkose aufwachen können. Diese Einheit befindet sich im hinteren Bereich, fern von den beiden Eingängen zur Praxis. Im vorderen Bereich sind der Empfang mit gegliederten Warteräumen.
Neben dem Empfang werden drei Behandlungsräume für Kieferorthopädie eingerichtet, wo hohe Frequenz und geringe Verweildauer erwartet werden, weil dort hauptsächlich der Fortschritt der Therapie kontrolliert wird. Ferner gibt es einen Röntgenraum. Die angefertigten Röntgenbilder werden digital ausgespielt und erlauben eine direkte Verwendung in den Praxen in Bad Freienwalde und Wriezen.
Die neue Bad Freienwalder Praxis verfügt über zwei Haupteingänge, an der Straße und vom Parkplatz hinter dem Haus. Ein Fahrstuhl ermöglicht auch Rollstuhlfahrern einen bequemen Zugang zur Praxis. Er erschließt das gesamte Gebäude.
Wer sich noch an die Post erinnern kann, wird beim Betreten der Praxis in Erstaunen versetzt. Die neue Einteilung der Räume kombiniert geschickt alte, bestehende mit neu gezogenen Wänden. Empfang und Warteräume sind mit großen Scheiben getrennt, die transparent und lichtdurchlässig sind. Wo früher drei Fernsprechzellen eingerichtet waren, sind jetzt Gästetoiletten entstanden.
Die Praxis nutzt einen Teil des Untergeschosses, das eher ein Souterrain ist. Dort wurden größere Fenster eingebaut, das ganze Ambiente erinnert nicht mehr an einen Keller. Dort befinden sich unter anderem Labor, Lager, Archiv, Büros für die Verwaltung, die Umkleiden für die Mitarbeiter, ein Waschraum für die Arbeitskleidung sowie ein großer Raum, den die Mitarbeiter für Pausen und für Weiterbildungslehrgänge nutzen können.
Die neue zahnmedizinische Praxis soll im Sommer eröffnet werden. Vier Zahnärztinnen und -ärzte, eine Fachzahnärztin sowie 20 bis 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden anfangs in der Gemeinschafts-Zahnarztpraxis in Bad Freienwalde arbeiten. In der Kurstadt entstehen zudem Ausbildungsplätze für Zahnmedizinische Fachangestellte. Bisher sind jedoch noch nicht alle offenen Stellen besetzt.
Erstes und zweites Obergeschoss sowie das Dachgeschoss bleiben 14 Wohn- und Gewerbeeinheiten vorbehalten. Zwei Gewerbetreibende haben sich bereits eingemietet. Sie haben über die Giebelseite in der Fischerstraße einen separaten Zugang. Die hervorragend ausgestatteten Wohnungen von 1,5 bis fünf Zimmern sind überwiegend fertiggestellt, die kleinen Wohnungen bereits vermietet.
Als erste Mieterin bezog Barbara Sell am 1. Dezember 2025 eine geräumige und helle 2,5-Zimmer-Wohnung im zweiten Stockwerk. Die Rentnerin ist von Wandlitz nach Bad Freienwalde gezogen. Sie fühlt sich sehr wohl in ihrem neuen Zuhause. Die Decken sind etwas höher, als es beim modernen Standard üblich ist, weshalb die Wohnung größer erscheint.
Die großen, mit Bedacht geplanten Wohnungen im Dachgeschoss richten sich vorwiegend an Familien, die zum Beispiel aus Berlin in die Region zurückkehren wollen, und bisher vergeblich nach geräumigem Wohnraum gesucht haben.


Inzwischen sind auch die Außenanlagen des Gebäudekomplexes in Angriff genommen worden. 32 Parkplätze für Mitarbeiter, Patienten und Mieter sind vorgesehen. Die ehemalige Lieferrampe gehört zum Denkmal und wird sinnvoll integriert. Die Fassade zur Karl-Marx-Straße ist einschließlich der französischen Balkone mit dem schmiedeeisernen Schmuckgitter und den sechs Reliefplatten mit Darstellungen zum Thema Post erhalten geblieben.
Die Geschichte des Gebäudekomplexes reicht bis ins Jahr 1890 zurück. Zu jener Zeit wurde es als Postamt im Stile des Historismus nach Plänen des Schwedter Regierungsbaumeisters Waltz errichtet. Am 19. April 1945 sei es vermutlich durch Brandstiftung abziehender deutscher Truppen zerstört worden, heißt es in einer Chronik.
Der Wiederaufbau begann 1955 mit aufwendigen Gründungsarbeiten. Viel Zeit hatte der Abriss der Fundamente gekostet, weil sie sehr tief in den Boden reichten. Wegen Moorbodens ruht eine Hälfte des Gebäudes auf 86 Bohrpfählen, die jeweils elf Meter in die Tiefe reichen.
Mit seiner Fertigstellung wurde das Kreispostamt wieder zu einem der stadtbildprägendsten Bauwerke von Bad Freienwalde. Es zierte eine für die frühe DDR-Zeit typische Fassade. Am 23. Februar 1957 war das Ensemble seiner Bestimmung übergeben worden. „In Anwesenheit des Ministers für Post- und Fernmeldewesen fand im neuen Kulturraum die offizielle Übergabefeier statt“, berichtet die Schriftstellerin Hildegard Schumacher in ihrem Beitrag „Das neue Kreispostamt“ im Heimatkalender für den Kreis Bad Freienwalde von 1958.
Der 48 Meter lange Bau verfüge über 625 Quadratmeter Grundfläche, schreibt Hildegard Schumacher und betont: „Die Betriebsangehörigen der Post feierten die Übergabe: Sie dachten daran, dass jeder mithelfen kann und soll, dass das ganze Post- und Fernmeldewesen wieder über ganz Deutschland hin einheitlich gestaltet werde. Sie sind sich darüber bewusst, dass die Post ganz wesentlich dazu beiträgt, die Brücken der Verständigung zu schlagen, von Volk zu Volk, von Land zu Land in der ganzen Welt. Deshalb ist der Wunsch und die Sehnsucht unserer Postangestellten ein geeintes, friedliebendes und demokratisches Deutschland.“
Ein letzter größerer Umbau des Erdgeschosses war schließlich nach der Wende im Jahr 1996 erfolgt, danach konnte das Haus als Briefverteilungszentrum genutzt worden. Auch das ist inzwischen Geschichte.



Jetzt steht auch der aktuelle Umbau, der unter denkmalgerechten Vorgaben erfolgt ist, vor seinem Abschluss. Als vor einigen Wochen das Gerüst fiel und die renovierte Fassade zum Vorschein kam, gab es in den sozialen Medien viel Lob für das wiedererstandene Gebäude. Viele Kommentatoren erinnerten sich an ihre Verbindung zum Postamt. „Die Reliefs als Erinnerung an die ursprüngliche Nutzung finde ich besonders gelungen. Ich habe sie schon vor ein paar Wochen bewundert. Ich fand als Kind die Briefklappe an der hinteren Wand der Schalterhalle total spannend. Dort durfte ich ab und zu unsere Post durchschieben, die Briefe fielen dann hinter der Wand in einen großen Korb“, berichtet eine Frau auf Facebook. „Meine liebe Oma war dort bis Anfang der 80er Jahre beschäftigt. Ich vermisse sie und das Gefühl, das Westpaket der Verwandten einige Tage vor Weihnachten abholen zu können“, lautet der Eintrag einer weiteren Kommentatorin.
Solche und andere Erinnerungen verbinden viele ältere Bad Freienwalder mit diesem Bauwerk. Und die meisten sind froh darüber, dass mit der neuen Alten Post ein Stück altes Freienwalder Kurstadt-Flair in moderner Ausprägung zurückgekehrt ist.
Von Steffen Göttmann und Bernd Röseler


