Im Gespräch mit dem zuständigen Architekten für die Sanierung des Frankfurter Rathauses: Gebäude ohne Klimawandel?

Unser Rathaus. Das Herz der Stadt

Im Gespräch mit dem zuständigen Architekten für die Sanierung des Frankfurter Rathauses: Gebäude ohne Klimawandel?

Interview Teil I: Die Sanierung des Frankfurter Rathauses ist in den letzten Zügen. Im Sommer sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Das Rathaus war neun Jahre lang sein „Kind“: Architekt Ralf Fleckenstein geht im Sommer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Fotos: Anna Pröschild

24.06.2024

Das frisch sanierte Rathaus steht kurz vor der Fertigstellung. Die offiziellen Feierlichkeiten zur Neueröffnung fanden bereits kürzlich statt. Professorin Katharina Feldhusen, Ralf und Fleckenstein Andreas Schwarz konnten sich 2015 im Architekten-Wettbewerb zur Sanierung des historischen Gebäudes durchsetzen. Über die Arbeiten am Rathaus sprach Redakteurin Anna Pröschild mit dem Architekten Ralf Fleckenstein.

Was macht Sie stolz, dass Sie als Architekturbüro geplant und umgesetzt haben?

Fleckenstein: Vor der Sanierung hat das Rathaus die Geschichte eines Verwaltungsbaus erzählt. Wir waren der Meinung, dass es wichtig ist, ein offenes Haus zu schaffen, das die Bürgerinnen und Bürger einlädt und willkommen heißt.

Wir würden uns wünschen, dass im Rathaus zukünftig auch politische und kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Dafür haben wir im Wettbewerb das Konzept des zentralen Atriums als Treffpunkt, Ort des informellen Austauschs und als Veranstaltungsraum entwickelt. Mit dem Atrium erhält das Rathaus eine neue Zentrierung, eine neue Mitte. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, das Atrium so umzusetzen, wie wir es in unserem Wettbewerbsbeitrag vorgeschlagen hatten. Von Besucherinnen und Besuchern des Rathauses haben wir bereits viel Zuspruch erhalten. Bei der Eröffnungsveranstaltung waren wir überrascht, dass die Raumakustik auch musikalische Veranstaltungen zulässt.

Was hat Sie im Zuge der Sanierungsarbeiten am Frankfurter Rathaus erstaunt?

Fleckenstein: Wir waren darauf gefasst, dass es ein sehr komplexes Bauvorhaben werden würde. Ich hätte aber wirklich nicht gedacht, dass wir innerhalb des Rathauses mittelalterliche Kellergewölbe freilegen werden.

Zudem haben wir u.a. die bauzeitlichen Kassettendecken im Foyer freilegen können, nachdem die Akustikdecken aus den 1970er Jahren rückgebaut worden waren. Alte Bausubstanz zu finden und sie in das Gestaltungskonzept zu integrieren, war eine spannende Aufgabe.

Es gab allerdings auch weniger erfreuliche Nachrichten, wie beispielsweise verdeckte Schadstoffe, die aufwendig ausgebaut und entsorgt werden mussten.

Über 70 Firmen sind an der Sanierung des Rathauses beteiligt.

Zu den eher schwierigen Themen zählen die Dachdeckerarbeiten.

Fleckenstein: Wir haben über 70 Firmen auf der Baustelle, viele aus der Region. Die meisten arbeiten gut und zuverlässig. Die Dachdeckerfirma war leider nicht in der Lage, ihre Leistungen fachkundig und fristgerecht zu erbringen. Das hat uns vor große Probleme gestellt, weil der Verzug der Dachdeckerarbeiten Folgegewerke massiv behindert hat. Mit der Ersatzvornahme sind wir jetzt auf einem guten Weg. Noch werden Restleistungen erbracht, weshalb das Gerüst auf der Ostseite weiterhin steht. Im August sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Die Büroräume werden per Fenster gelüftet. Im Rathaus gibt es keine Klimaanlage. War es Ihre Idee, keine Klimaanlage in die Büros einzubauen?

Fleckenstein: Dafür war das Gebäude ausschlaggebend. Das Rathaus ist ein Massivbau mit dicken Wänden und massiven Deckenkonstruktionen. Damit verfügt das Haus über eine hohe Speicherkapazität, die für einen Temperaturausgleich über das Jahr sorgt. Jeder, der in einem Altbau wohnt, weiß, dass die Räume im Sommer deutlich kühler als die Außentemperatur sind. Deswegen waren sich Architekten, Fachplaner und Bauherr einig, dass der Einsatz einer Klimaanlage nicht angemessen sei. Zudem würde eine Klimaanlage eine individuelle Fensteröffnung ausschließen und somit den Nutzerkomfort reduzieren.

Unausweichlich ist der Einsatz einer mechanischen Lüftungsanlage in den großen Sitzungs- und Konferenzsälen. Die große Anzahl an Personen, die sich in den Räumen aufhalten, erfordert einen Luftwechsel, der über das Öffnen der Fenster nicht zu erreichen ist. Die Frischluft wird in Abhängigkeit von der Jahreszeit - vorgekühlt oder vorgewärmt. Hierfür wurde in der Anlagentechnik eine Wärmerückgewinnung eingebaut.

Wird es Ventilatoren für die Büros geben?

Fleckenstein: Es sind keine vorgesehen. Die Lüftung über die Fenster ist ausreichend. Um die Wärme in den Sommermonaten in den Büros zu reduzieren, wurde innen ein Sonnenschutz hergestellt. Dieser ist mit einer reflektierenden Schicht versehen, um den Wärmeeintrag zu reduzieren. Ein außen liegender Sonnenschutz ist aus Denkmalschutzgründen nicht möglich.

War es auch eine Kostenfrage, keine Klimaanlage einzubauen?

Fleckenstein: Sowohl die hohen Investitionskosten und Betriebskosten als auch die schon beschriebene fachliche Abwägung hat dazu geführt, dass sowohl die Planer als auch der Bauherr den Einbau einer Klimaanlage für das Gebäude nicht weiter verfolgt haben.


Informationen und Fakten

Das Rathaus ist eines der ältesten Gebäude der Stadt. Es besteht aus zwei Gebäudeteilen, dem historischen Rathaus aus dem 13./14. Jahrhundert und einem dreiflügeligen Erweiterungsbau um einen Innenhof, der 1913 fertiggestellt wurde. Der prunkvolle Südgiebel des mittelalterlichen Gebäudeteils entstand in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Zwischen 1607 und 1610 fand ein Umbau statt, bei dem unter anderem der nördliche Rathausturm im Stil der Renaissance hinzugefügt wurde.

1953 erfolgte die bauliche Wiederherstellung des zum Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten Rathauses. 1978 wurde der Neubau des 20. Jahrhunderts funktionell neugestaltet, modernisiert und baulich instandgesetzt. Der Umbau wurde 1978 mit dem Architekturpreis der DDR ausgezeichnet. Seitdem wurden keine umfassenden Sanierungsarbeiten durchgeführt. Vor Beginn der Instandsetzung war der Hauptteil des Rathauses in einem sanierungsbedürftigen Zustand und entsprach nicht mehr den heutigen baulichen Standards.

25 Millionen Euro betrugen die Gesamtbaukosten für das Rathaus zunächst im Jahr 2019. Ende Januar 2024 bezifferte die Stadt die Summe auf 36,8 Millionen Euro.

35,7 Millionen Euro kostet nach momentan die Stadt-Angaben Sanierung. Vom Bund und dem Land Brandenburg wurden circa 19 Millionen Euro bewilligt. Die Bauzeit betrug vier Jahre sowie neun Jahre insgesamt, von der Ausschreibung und Planung bis zur Fertigstellung. Die Sanierung sei, laut brandenburgischen Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, das umfangreichste Einzelvorhaben der Städtebauförderung in Brandenburg.

79 Büro- und zehn Besprechungsräume (ohne Konferenz-Zimmer) gibt es jetzt im Rathaus.

127 Mitarbeitende der Stadt werden in das sanierte Gebäude einziehen, inklusive zwei Beschäftigte an der Theke und zwei Hausmeister.                                red/apr