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Wirklich wilde Förster

Kein Weg zu weit. Diesmal ist die Redakteurin für die Reihe durch urwaldähnliches Gelände gestiefelt, atemberaubende Begegnungen inklusive.

Von Angesicht zu Angesicht mit echten Wildtieren; das ist unbeschreiblich und lohnt jeden Weg. Foto: MME

02.04.2026

Wer das Naturerlebniszentrum der Heinz Sielmann Stiftung inmitten der weiten Landschaften der Döberitzer Heide betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Naturschutz auf dem Papier. Hier soll Natur erfahrbar werden. Leiter Peter Nitschke führt mich an diesem Tag persönlich durch ein Gebiet, das zu den artenreichsten Landschaften Deutschlands zählt.

Natur verstehen, indem man sie erlebt

„Wenn Kinder einen Mistkäfer einmal auf der Hand hatten, macht es für sie viel mehr Sinn, dass man ihn nicht zertreten sollte“, sagt Nitschke und blickt auf eine Kitagruppe, die draußen eifrig auf Entdeckungstour ist. Wer früh versteht, wie Ökosysteme funktionieren, entwickelt ein Bewusstsein für ihren Schutz.

Der Ansatz der Stiftung ist dabei grundlegend: Nicht einzelne Arten stehen im Fokus, sondern ihre Lebensräume. Die Döberitzer Heide bietet dafür ideale Voraussetzungen. Auf mehr als 12.000 Hektar erstreckt sich eines der größten zusammenhängenden Heidegebiete Deutschlands - gleichzeitig Naturschutz-, Vogel- und FFH-Gebiet. Rund 7.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten wurden hier nachgewiesen. Entscheidend ist das Nebeneinander unterschiedlicher Lebensräume: offene Sandflächen, Heide, Grasland und Gehölze. Dieses Mosaik schafft Dynamik - und damit Vielfalt.

Landschaftspflege mit Wisent und Wildpferd

Eine Schlüsselrolle übernehmen große Pflanzenfresser wie z.B. Wisente und Przewalski-Pferde.„Die verschiedenen Arten erfüllen unterschiedliche Funktionen“, erklärt Nitschke. „Zusammen bilden sie eine Äsergemeinschaft.“

Sie fressen Gras, Knospen und Rinde, brechen Äste und prägen so lichte, parkähnliche Wälder und die Heide selbst - wertvolle Lebensräume für viele Arten. Selbst ihr Dung wird zum Motor der Biodiversität: Ein Wisent produziert rund elf Tonnen pro Jahr. In der Heide wurden 36 Dungkäferarten nachgewiesen, viele davon bedroht.

„Die Tiere übernehmen einen großen Teil der Landschaftspflege selbst. Das spart Technik, Diesel und Geld“, so Nitschke.

In der Kernzone der Wildnis

Nach der Einführung wird das Konzept greifbar. Wir fahren in die Kernzone. Hier darf man nur mit Führung herein. Nitschke öffnet ein schweres Metalltor per Hand. Technik ist bewusst reduziert, selbst Wasserpumpen der Tränken laufen mit Solarenergie.

Die Wege sind uneben, von Hufen aufgeworfen, der Boden sandig und überraschend hügelig. Mit etwas Geduld zeigt sich die Tierwelt. Zuerst eine kleine Gruppe Przewalski-Pferde. Sie tauchen am Weg auf, beobachten uns, bleiben stehen. Neugier und Wachsamkeit liegen dicht beieinander. Als ein Wallach die Herde über den Weg führt, wird deutlich: Wir sind hier nur Gäste und es ist sicherer, wieder einzusteigen.

Wenig später entdecken wir Wisente - zunächst kaum zu erkennen, perfekt getarnt zwischen den Bäumen. Erst bei genauem Hinsehen lösen sich ihre massigen Körper aus der Landschaft. Eine ganze Herde steht nur wenige Meter entfernt. Wir bleiben im Auto, beobachten. Die Tiere wirken ruhig, aber aufmerksam. Noch wilder, noch unnahbarer als die Pferde.

Die Begegnungen mit diesen echten Wildtieren sind mehr als eindrucksvoll und unterscheiden sich mächtig von denen mit Haus- oder Zootieren. Überall zeigen sich Spuren dieser Ur-Förster: abgeknickte Äste, angefressene Sträucher, lichte Bereiche im Wald. Hier wird verständlich, wie stark Tiere ihre Umwelt prägen. „Das Bild vom dichten Urwald, wie Tacitus es geprägt hat, stimmt wahrscheinlich so nicht“, sagt Nitschke. „Mit großen Pflanzenfressern sah es eher so aus wie hier und das im Wechsel mit dichtem Wald.“

Unternehmen aus der Region

Sensibles Gleichgewicht

Wie empfindlich dieses System ist, zeigt sich kurz darauf. Eine Radfahrerin mit unangeleintem Hund ignoriert Hinweise. Später kreist ein Militärhubschrauber über dem Gebiet. In der Ferne galloppiert eine Wisentherde panisch los. „Für die Tiere ist das kein Hubschrauber, sondern eine Bedrohung“, erklärt Nitschke verärgert.

Eine Wildnis, die wirkt

Am Ende wird klar: Dieses Gebiet ist kein klassischer Naturpark, sondern ein funktionierendes Ökosystem. Die Döberitzer Heide zeigt, wie Naturschutz wirken kann, wenn man Prozesse zulässt.

Besucher können die Kernzone ausschließlich bei Führungen erleben oder selbstständig den Außenring um sie herumwandern. Eine Ausstellung im Naturerlebniszentrum bereitet auf die Besonderheiten vor.

Die Stiftung finanziert ihre Arbeit ausschließlich über Spenden - Unterstützer werden unter anderem zu besonderen Einblicken eingeladen. Wer hier unterwegs ist, nimmt mehr mit als schöne Eindrücke. Die Begegnung mit den „echten Wilden“ schärft den Blick für Zusammenhänge und hinterlässt vor allem eines: Respekt vor einer Natur, die sich selbst überlassen bleibt und gerade deshalb so wertvoll ist.

Für mehr: https://www. sielmann-stiftung.de/naturerleben/erholungsorte/doeberitzer-heide
MME