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Das Amt Temnitz stellt sich vor

„In der Temnitzregion leben statistisch die jüngsten Menschen“

Für Amtsdirektor Thomas Kresse gilt es die soziale Infrastruktur, die wirtschaftliche Struktur sowie die touristische und kulturelle Entwicklung in Einklang zu bringen

Thomas Kresse leitet die Geschicke des Amtes Temnitz. Sein Ziel ist es, den Amtsbereich für Zuzügler attraktiv zu machen. Archiv-Foto: Holger Rudolph

16.09.2020

Amt Temnitz. Seit 2018 ist Thomas Kresse der neue Amtsdirektor im Amt Temnitz. Seither hat er schon viel bewegt und voran geschoben. Die Märker-Redaktion sprach mit dem Amtsinhaber über seine Visionen.

Was zeigt sich im Rückblick als der größte Erfolg für das Amt?

Thomas Kresse:
Aus meiner Sicht hat das Amt Temnitz die politische Wende und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen gut überstanden. So konnten beispielsweise die Einwohnerzahlen in den Jahrzehnten konstant gehalten werden. Aktuell erwarten wir für dieses Jahr einen Einwohnerzuwachs von über drei Prozent. Wir haben damit mehr Einwohner als 1992. In meiner bisherigen zweijährigen Amtszeit ist es erfolgreich gelungen, einen Kita-Neubau in Kränzlin und den Bau eines Feuerwehrgerätehauses in Rägelin zu realisieren sowie beispielsweise durch die Neuanschaffung von drei Fahrzeugen die Feuerwehrinfrastruktur zu stärken. Darüber hinaus sind in den Orten Baugebiete ausgewiesen worden, die weiteren Zuzug ermöglichen sollen. Die Restrukturierung der Entwicklungsgesellschaft Temnitz mbH und der erste größere Verkauf einer 6,9 Hektar Industrie- und Gewerbefläche, haben mich besonders gefreut. Dieser Erfolg ist nur möglich, wenn Verwaltung und Lokalpolitik miteinander und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Erfolg muss organisiert werden und fällt nicht vom Himmel.
   

Wie ist es gelungen, die Interessen so vieler Mitgliedsgemeinden unter einen Hut zu bekommen?

Das Amtsmodell ist in der Brandenburger Kommunalverfassung ein besonderes Modell, was meines Erachtens weiterhin Berechtigung hat. Wenn es auch nicht immer einfach ist, die unterschiedlichsten Erwartungen der sechs Gemeinden zu erfüllen, so erlebe ich doch deutlich, dass im Amtsmodell die Demokratie besonders gelebt werden kann. Die meisten ehrenamtlichen Bürgermeister und Ortsvorsteher sind engagiert und wollen sich für die Interessen ihrer Orte sehr gerne einsetzen. Vieles ist ein Aushandlungsprozess und Politik ist eben die Kunst der Kompromisse. Meine Philosophie ist es, gemeinsam – mit den ehrenamtlichen Mandatsträgern rauszugehen – und die Themen mit den Bürgern auf Augenhöhe zu diskutieren.

Wenn Sie jemanden überzeugen wollten ins Amt Temnitz zu ziehen, was würden Sie ihm sagen?

Die Temnitzregion ist ein attraktiver Lebensort für junge Familien. Wir haben eine gute Kita- und Schulstruktur, sind verkehrstechnisch mit Autobahn- und Zuganbindung gut gelegen und weisen derzeit viele Wohnbauflächen aus. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich und sorgen mit ihrem Einsatz dafür, dass liebens- und lebenswerte Orte entstehen. Darüber hinaus sind wir fokussiert, verschiedenste Pflegeangebote auszuweiten, damit ältere Menschen möglichst lange in der gewohnten Umgebung bleiben können. Im Amt Temnitz finden sie viel Natur, aber auch kulturelle Angebote, wie den Theatersommer Netzeband. Unsere landwirtschaftlich geprägte Region erzeugt viele lokale und ökologische Produkte. Der Boxweltmeister, Marco Huck, der kürzlich zu Besuch in Walsleben war, sagte: „Hier findet man Ruhe für die Seele“. Meines Erachtens ein sehr passender Satz für die Temnitzregion.

Bereitet Ihnen die demografische Entwicklung im Amt Sorgen? Wenn ja, was könnte (sollte) getan werden?

Nein, wir verspüren eine gute demografische Entwicklung und können das anhand valider Zahlen gut abbilden. Wir erwarten in den kommenden Jahren weiteren Zuzug und werden vermutlich die Einwohnerzahl auf Höchstniveau der letzten 30 Jahre erreichen. Setzt sich der Trend fort, erwarten wir in den kommenden Jahren um die 6.000 Einwohner. Das wären seit Beginn meiner Amtszeit 2018 mehr als 13 Prozent Einwohnerzuwachs. Gleichzeitig sehen wir aber auch die dadurch entstehende Verantwortung. Die Infrastruktur muss mitwachsen. Wir sind heute froh, dass die damaligen Verantwortlichen - in den schwierigen früheren Zeiten – Kita- und Schulschließung verhindert haben. Heute müssen wir daran anknüpfen und viele der 55 Amts- und Gemeindeimmobilien sanieren und fortentwickeln. Alleine der Bau der neuen Kindertagesstätte in Kränzlin kostete über zwei Millionen Euro – eine Aufgabe, die nur durch die Realisierung eines komplizierten Fördermittelmixes (und viel Geduld) möglich wurde.


„Wir erwarten weiteren Zuzug und wir erwarten ein Höchstniveau der Einwohnerzahl zu erreichen.“


Was sind die Entwicklungsschwerpunkte im Amt Temnitz in den nächsten vier bis fünf Jahren?

Die Entwicklungsschwerpunkte in den kommenden Jahren sind vielfältig. Wir planen derzeit eine weitere Kindertagesstätte und haben Fördermittel für die Gestaltung der Außenanlagen der Grundschule Wildberg beantragt. Wir wollen weitere mittelständische Unternehmen für den Temnitzpark gewinnen und weitere Baugebiete ausweisen. Wir wollen die Orte zukunftsfähig machen und müssen dabei aber – vor dem Hintergrund der finanziellen Belastung – mit Augenmaß vorgehen. Die soziale Infrastruktur, die wirtschaftliche Struktur aber auch die touristische und kulturelle Entwicklung gilt es in Einklang zu bringen.

Wo sehen Sie noch Defizite für eine wachsende Attraktivität des Amtes?

Wie immer im Leben ist alles Gute nicht beisammen. So sehe ich die Problematik mit der Zerschneidung von Kultur- und Lebensräumen durch Windenergie und Photovoltaikanlagen durchaus problematisch. Dabei sehen wir grundsätzlich die Verantwortung für die Errichtung erneuerbarer Energien – denken aber, dass wir in der Temnitzregion mit der Errichtung von über 40 Windenergieanlagen unseren Beitrag mehr als geleistet haben. Darüber hinaus wünschen wir uns für belastete Orte an den Autobahnen Geschwindigkeitsbegrenzungen und Lärmschutzmaßnahmen.


„Konflikte zwischen den Generationen sollten im Sinne des Miteinander gelöst werden.“


Wie steht es um die Perspektive der Jugend auf dem Lande zu leben? Wie ließe sich die Lebensqualität dort weiter erhöhen?

In der Temnitzregion leben statistisch die jüngsten Menschen im gesamten Landkreis. Diesen „inoffiziellen Titel“ würden wir gerne behalten. Ich glaube, dass junge Eltern heute viele gute Gründe finden und sich bewusst als Familie für ein ländliches Leben entscheiden. Umso mehr Kinder im Ort sind, umso mehr Dynamiken entwickeln sich. Wir hatten im letzten Jahr einen deutlichen Geburtenanstieg zu verzeichnen. Im letzten Jahr wurde statistisch in jeder Woche des Jahres ein Kind im Amt Temnitz geboren. Angebote für Kinder und Jugendliche sind daher wichtig – Vereine leisten hier viel Gutes. In den größeren Dörfern gibt es eine Jugendclubstruktur, deren Frequentierung wir uns noch stärker wünschen würden. Durch die Verkehrsanbindung des RE6 und dem PlusBus-System hat die Temnitzer-Jugend aber auch die Möglichkeiten in die städtischen Regionen nach Neuruppin oder Berlin zu reisen.

Sehen Sie Möglichkeiten, wie sich das kulturelle Angebot im Amtsbereich noch verbessern ließe?

Das kulturelle Angebot entwickelt sich weiter. Die Gemeinde Temnitzquell gilt als unser kultureller Leuchtturm. Hier finden Sie neben dem Theatersommer, dem Heidefest, dem Temnitzer Halbmarathon auch den Zugang zur Kyritz-Ruppiner-Heide. In vielen Orten der Temnitzregion gibt es gute Einzelkonzepte, die von vielen Engagierten belebt werden. Mit dem Theatersommer haben wir eine Verabredung, den Kulturstandort Netzeband weiter zu entwickeln. Deshalb haben die Gemeindevertreter von Temnitzquell die Kulturkirche und das dazugehörige Veranstaltungsmanagement dem Theatersommerverein ab 2021 übertragen.

Wie funktioniert der Zusammenhalt zwischen den Generationen?

Auf dem Land sollte man zusammenhalten. Jung und Alt brauchen einander. Konflikte müssen im Sinne des Miteinanders gelöst werden. Die älteren Menschen haben die Aufgabe, die Jüngeren für die Vergangenheit zu sensibilisieren und die Jüngeren haben die Aufgabe, zuzuhören. Dabei wäre es wünschenswert, wenn freiwerdende Aufgaben und Funktionen durch Jüngere ersetzt werden. Dabei sollte der Wissenstransfer von „alt zu jung“ gesichert werden.

Hat die Corona-Pandemie den ländlichen Raum vor besondere Probleme gestellt?

Corona hat uns alle kalt erwischt. Die Bilder im Frühjahr des Jahres haben bei einigen Menschen Paniken ausgelöst – die Maßnahmen der Eindämmung waren drastisch. Dadurch, dass die Temnitzregion sehr ländlich geprägt ist, war die Gefahr nicht immer spürbar und die Maßnahmen wurden kritisch hinterfragt. Eine Hausärztin sagte zu mir: „Im Amt Temnitz lebt man ohnehin – aufgrund der Siedlungsdichte - wie in Quarantäne.“. Über diesen Satz habe ich nachgedacht und er hat mir Hoffnung gegeben, dass wir – und der Landkreis Ostprignitz-Ruppin insgesamt – weitgehend verschont bleiben. Insgesamt lässt sich feststellen, dass das Land Brandenburg – im Vergleich zu Bayern oder NRW – ja insgesamt weitgehend gut durch die Pandemie gekommen ist und Krankenhauskapazitäten nicht – wie befürchtet – in Anspruch genommen werden mussten. Während der Pandemie riefen viele Menschen an, die fragten wie sie sich verhalten sollen und ob ich mich dafür einsetzen könnte, den Besuch von Angehörigen im Altenheim zu ermöglichen. Heute haben Bundes- und Landesregierung viele neue Erkenntnisse – einiges würde man wohl anders machen.

Sind Sie mit der Unterstützung durch den Landkreis zufrieden? Wo ist diese besonders spürbar?

Der Landkreis bemüht sich nach Kräften und hat viele eigene Aufgaben zu bewältigen. Zu bestimmten Themen kämpfen wir gemeinsam. Manchmal sind wir aber auch im Zwist, da wir unterschiedliche Interessen verfolgen. Das ist ganz normal und wie immer auch ein Aushandlungsprozess. Ich erlebe den Landkreis weitgehend gesprächsbereit; auch wenn wir uns beim Thema zur Finanzierung des freiwilligen Brandschutzes auch mal streiten. Streit ist durchaus notwendig, um Bewegung in eine Sache zu bekommen. Am Ende sollte uns das Interesse, die Lebensbedingungen der Menschen mit guten Entscheidungen zu verbessern, einen. Der flächendeckende Breitbandausbau ist hier ein gutes Beispiel.